08.10.2026

Prof. Jochen Ruß: „Der Beratungsbedarf bei der Ruhestandsplanung ist hoch“
 

Abbildung zu Jochen Ruß


In den nächsten Jahren geht die Generation der Babyboomer in Rente. Eine ganz erhebliche Zahl dieser künftigen Rentnerinnen und Rentner hat in der ersten Lebenshälfte Kapital für den Ruhestand aufgebaut und erwartet Kapitalzahlungen aus Lebensversicherungen und anderen Quellen. Doch wieviel Geld davon wird sofort gebraucht? Was kann angelegt werden? Und was ist mit dem Thema Vererben. Zu diesen Fragen rund um die Ruhestandsplanung haben sich verschiedene Teams der Allianz Leben intensiv mit den Experten des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften (ifa) in Ulm ausgetauscht. Jochen Ruß, Professor an der Universität Ulm und Geschäftsführer des ifa, erläutert im Interview, was das Thema so komplex macht und welch hohen Mehrwert Beratung in diesem Kontext hat.


Was sind klassische Denkfehler rund um die eigene Ruhestandsplanung? 

Prof. Jochen Ruß: Der größte Fehler ist es natürlich, gar keine Ruhestandsplanung zu machen. Dieser Fehler scheint weit verbreitet zu sein, denn viele Menschen haben ihr Vermögen nicht ruhestandsgerecht angelegt. 

Ein großer Denkfehler besteht ferner darin, den konzeptionellen Unterschied zwischen der ersten Halbzeit der Altersvorsorge (Sparen fürs Alter) und der zweiten Halbzeit der Altersvorsorge (im Alter vom angesparten Geld leben) zu ignorieren. In der ersten Halbzeit hat das Geld im Prinzip nur eine Aufgabe: Es soll sich (bei angemessenem Risiko) möglichst stark vermehren. 

In der zweiten Halbzeit hat das Geld hingegen viele Aufgaben. Ziel der Ruhestandsplanung ist es, dies sinnvoll zu strukturieren. Hierfür haben wir als Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften (ifa) gemeinsam mit der Allianz Lebensversicherung einen neuen Beratungsansatz entwickelt, auf den wir sicher noch zu sprechen kommen.


Zuvor möchte ich gerne noch auf die unterschiedlichen Phasen in der Zeit der Rente eingehen, die Sie bereits angedeutet haben. Oft gibt es ja eine aktivere, in der mehr gereist wird und später dann auch eine Zeit, wo vielleicht pflegerische Betreuung notwendig wird. Welche finanziellen Überlegungen ergeben sich daraus?

Prof. Jochen Ruß: Genau das meinte ich, als ich von den verschiedenen Aufgaben des Geldes sprach. Ein Teil des Geldes muss den Lebensstandard finanzieren. Und zwar jeden Monat bis zum Tod. Dies ist unabdingbar – sozusagen die Pflicht, die man erst mal erledigen muss, bevor man zur Kür kommt. Ein Teil des Vermögens ist dann für eigene Wünsche verantwortlich, also den kleinen Luxus oberhalb des Lebensstandards. Das ist meist in den aktiveren Jahren des Ruhestands besonders wichtig. 

Ein Teil des Geldes soll vielleicht einfach da sein, um langfristige finanzielle Freiräume zu sichern. Hier ist das Anlagehorizont auch für Ruheständler relativ lang, was bei der Anlageentscheidung berücksichtigt werden sollte. Und ein Teil des Vermögens soll vielleicht möglichst effizient an die nächste Generation weitergegeben werden. Daneben gibt es noch Rücklagen – kurzfristig als Notgroschen und langfristig für Themen wie Pflege etc. Und für jedes dieser Segmente sind andere Anlageformen bzw. Finanzprodukte sinnvoll. 

Insgesamt geht es bei der Ruhestandsplanung übrigens oft um relativ große Beträge (man denke nur an die Wiederanlage von größeren Auszahlungen aus bestehenden Lebensversicherungen oder Kapitalanlageprodukten), sodass es besonders wichtig ist, gut zu planen und Fehler zu vermeiden! 


Wo setzt der Beratungsansatz des ifa zur Vermögensplanung da genau an und was bedeutet das für die Beratung der entsprechenden Kunden

Prof. Jochen Ruß: Wegen der bereits angesprochenen Vielschichtigkeit ist eine sinnvolle Vermögensplanung für den Ruhestand einerseits wichtig, andererseits aber auch komplex. Die meisten Menschen schaffen das nur mit einer guten Beratung. Aber auch die Beratung ist hier deutlich komplexer als in der „ersten Halbzeit“. Hier setzt unser Beratungsansatz an: Er bietet einen einfachen, pragmatischen Einstieg in die finanzielle Ruhestandsplanung. 

Die Berater bekommen einen einfachen und strukturierten Prozess, um die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden zu ermitteln, die verfügbaren Vermögenswerte zu strukturieren und Handlungsmöglichkeiten inklusive möglicher Produktlösungen passend zu Wünschen und Bedürfnissen aufzuzeigen.


Ab wann bin ich denn wohlhabend genug, um eine Vermögensplanung mit meinem Vermittler zu besprechen?

Prof. Jochen Ruß: Grundsätzlich sollte jeder Mensch vor Eintritt in den Ruhestand (also in der Halbzeitpause um im Bild zu bleiben) seine Finanzen sinnvoll planen. Für weniger wohlhabende Menschen wird die Finanzierung des gewünschten Lebensstandards den größten Teil der vorhandenen Mittel erfordern, sodass hier unser Beratungsansatz nicht erforderlich ist. Einen konkreten Betrag zu nennen, ab dem der Beratungsansatz sinnvollerweise eingesetzt werden sollte, ist schwierig. Das hängt unter anderem davon ab, welcher Anteil des verfügbaren Vermögens schon dafür benötigt wird, den eigenen Lebensstandard abzusichern.


Welchen Impuls erhoffen Sie sich, dass die Teilnehmenden des Leben-Forums mitnehmen?

Prof. Jochen Ruß: Ich wäre sehr froh, wenn wir es schaffen würden, eine Erkenntnis zu vermitteln und dadurch eine Handlung auszulösen: Die Erkenntnis ist, dass es wichtig ist, sich jetzt mit dem Thema Ruhestandsplanung auseinanderzusetzen. Denn die Zielgruppe ist groß und vermögend und hat in aller Regel einen hohen Beratungsbedarf, weil vorhandene Mittel oft nicht ruhestandsgerecht angelegt sind. 

Und idealerweise führt diese Erkenntnis dann dazu, dass die die Teilnehmenden sich mit dem neuen Beratungsansatz auseinandersetzen und diesen in der Zielgruppe nutzen. Wenn dann einige zukünftige Rentner ihr Vermögen ruhestandsgerechter positionieren, würde ich das Leben-Forum als Erfolg werten!n.