08.10.2026
Ausgabe 2/2026

Lust auf Verantwortung

Nachfolgesorgen? Nicht bei Hagen & Kruse. Der Hamburger Makler hat die Führungsfrage Jahre im Voraus geklärt. Gleich zwei künftige Chefinnen stehen bereit. Ihr Aufstieg kostet Alexandra Bielecki und Pia Sophie Schmidt etwas Mut, aber wenig Geld. Einblicke in eine ungewöhnliche Strategie. 

Text: Claus Gorgs | Fotos: Henning Kretschmer
 

Team von Hagen & Kruse

Alexandra Bielecki (Bildmitte) teilt sich ihr Büro mit Jörg Enders (vorn links), Pia Sophie Schmidt (rechts) sitzt an ihrem Schreibtisch Jörg Will (vorn rechts) gegenüber. So lernt das künftige Führungsteam unmittelbar von seinen Vorgängern. Auch Kunden besuchen sie stets als Duo.


Eigentlich, sagen die künftigen Chefinnen, wollen sie gar nicht so viel verändern. Warum auch? Vor dem Konferenzraum winselt es leise. Der Versicherungsmakler Hagen & Kruse ist eine feste Größe bei Hamburger Handwerksbetrieben und Ärzten, das Fachwissen ist groß, die Fluktuation gering, der Kundenstamm wächst. Dat löppt, sagt man in der Hansestadt. Ungeduldiges Kratzen an der Glastür. Selbst die Unternehmensnachfolge – ein heikles, da ungelöstes Thema bei vielen Betrieben der Branche – ist dank einer ungewöhnlichen Strategie bereits Jahre im Voraus … Lautes Bellen auf dem Flur. Alexandra Bielecki seufzt, steht auf und öffnet die Tür.


Klar gegen einen Verkauf entschieden

Herein stürmen die beiden offensichtlichsten Veränderungen des Arbeitsalltags bei Hagen & Kruse, seit klar ist, dass mit Bielecki (41) und Pia Sophie Schmidt (29) künftig zwei Frauen bei dem Traditionsunter nehmen das Sagen haben werden. Milow und Maja, die beiden Büropudel, begrüßen und beschnüffeln die Gäste ausgiebig. Und mit aufs Foto wollen sie selbst verständlich auch. Danach kann es weitergehen.

Einen anderen Stil als die beiden Seniorchefs hätten sie schon, sagt Alexandra Bielecki. „Wir arbeiten weniger mit Ansagen und sind offener für Neues.“ So hat Hagen & Kruse inzwischen nicht nur Bürohunde, sondern auch einen LinkedIn-Auftritt, Instagram und TikTok sollen demnächst folgen. Die Nachwuchsmanagerinnen duzen die aktuellen geschäftsführenden Gesellschafter Jörg Will (63) und Jörg Enders (60), die ihre Krawatten im Schrank gelassen haben. Was wohl die Firmengründer Heinrich Hagen und Wilhelm Kruse zu all dem sagen würden, die aus Schwarz-Weiß-Porträts an der Wand streng auf ihre Nachfolger:innen blicken? Sie hatten es nämlich bereits genauso gemacht und die nächste Unternehmergeneration aus der eigenen Belegschaft rekrutiert. 

Deutschlands unabhängige Maklerhäuser stecken in einem tiefgehenden Strukturwandel. Immer mehr Regulierung, die voranschreitende Digitalisierung und der Mangel an Fachkräften macht vielen zu schaffen (siehe Kasten unten). Insbesondere fehlt es an Kandidatinnen und Kandidaten für Geschäftsführungspositionen. Viele junge Talente scheuen das unternehmerische Risiko oder können das nötige Eigenkapital nicht aufbringen, um sich in etablierte Betriebe einzukaufen. „Wir haben für Hagen & Kruse eine Unternehmensbewertung machen lassen“, sagt Jörg Will. „Das ist verrückt, was dabei rauskommt, das kann sich kein potenzieller Nachfolger leisten.“ Die fehlende Zukunftsperspektive gilt als ein Hauptgrund dafür, dass immer mehr kleine und mittlere Maklerfirmen aufgeben oder ihr Geschäft verkaufen.

 

 

„Ich bin dankbar, dass ich in alles reinwachsen darf. Sonst hätte ich Bedenken gehabt.“

Pia Sophie Schmidt, künftige Co-Chefin
 

Auch die Gesellschafter von Hagen & Kruse haben solche Gespräche geführt – und sich klar gegen einen Verkauf entschieden. „Den Rest meines Berufslebens wieder als Angestellter zu arbeiten, kam für mich nicht infrage“, sagt Enders. Mehr Reporting, weniger Zeit für Kundengespräche: „Das wollten wir uns nicht antun. Und wir müssen es ja nicht.“ 

Was die amtierenden Inhaber müssen, steht Punkt für Punkt im Gesellschaftsvertrag: Mit 65 ist Schluss, Verlängerung ausgeschlossen. Das zwingt jede Chefgeneration dazu, sich rechtzeitig über ihre eigene Nachfolge Gedanken zu machen. Bereits seit 2017 steht in der Langfristplanung, dass auf Jörg Will, der 2028 ausscheidet, eine Frau folgen soll – und so kam es dann auch. Seit 2018 ist Alexandra Bielecki als Assistentin der Geschäftsleitung an Bord. Die Versicherungskauffrau, die auch einen Bachelor in Business Administration hat und Berufserfahrung aus anderen Branchen mitbringt, wurde gezielt für die Führungsaufgabe ausgewählt und aufgebaut.


Es den Nachfolgerinnen leicht machen

Der Nachfolger von Enders, dessen aktive Zeit 2031 endet, war zu dieser Zeit bereits im Unternehmen, überlegte es sich aber wieder anders. „Ich bin dann zu Jörg Will ins Büro gegangen und habe gesagt: ,Ich denke, Pia hätte das Potenzial.‘“ Da war die Fachwirtin für Versicherungen und Finanzen gerade mal 25. Sie habe Respekt vor dem Job, sagt sie, aber sie traut ihn sich zu. „Ich habe Lust auf Verantwortung und bin sehr dankbar, dass ich in alles reinwachsen darf. Mit weniger zeitlichem Vorlauf hätte ich Bedenken gehabt.“

Dass es für leistungsbereite junge Menschen wie Bielecki und Schmidt überhaupt eine Option ist, Anteilseigner:in eines Traditionsunternehmen wie Hagen & Kruse zu werden, liegt an einer weiteren Regelung im Vertragswerk: Die Neugesellschafterinnen zahlen nur die Stammeinlage, müssen sie ihren Vorgängern also nicht zum Marktwert abkaufen. Bielecki und Schmidt müssen daher zum Amtsantritt jeweils 50.000 Euro aufbringen – eine Summe, die auch in jüngeren Jahren finanzierbar ist.

Die ausscheidenden Partner erhalten im Gegenzug lebenslang 15 Prozent des jährlichen Gewinns. „Auf diese Weise finanzieren die Neuen einen Teil der Altersvorsorge der Altgesellschafter mit“, sagt Will. „Das war bei uns schon immer so – und es macht den Nachfolgern die Entscheidung leichter.“
 

 

„Die Neuen finanzieren einen Teil der Altersvorsorge der Altgesellschafter mit.“ 

Jörg Will, geschäftsführender Gesellschafter 

KI soll niemals Mitarbeitende ersetzen  

Wie schon ihre Vorgänger haben Bielecki und Schmidt einen Langfristplan aufgestellt und ihre Ziele für 2033 formuliert. Sie wollen die Unabhängigkeit des Hauses erhalten, ihre Kund:innen begeistern, innerhalb ihrer Spezialisierungen weiterwachsen, eine vertrauensvolle, teamorientierte Unternehmenskultur pflegen. „Es ist uns wichtig, den Mitarbeitenden Sicherheit zu geben“, sagt Bielecki, „deshalb sagen wir ganz klar, dass es mit uns keine Kehrtwende geben wird.“ 

Als ein reines „Weiter so“ wollen sie dieses Ver sprechen von Kontinuität allerdings nicht missverstanden wissen. Mit einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie ortsunabhängigem Arbeiten wollen sie bei den begehrten Fachkräften punkten, die Digitalisierung und den Einsatz Künstlicher Intelligenz vorantreiben – jedoch mit einer deutlichen, fettgedruckten Klarstellung: „KI war und ist nicht als Ersatz für unsere Mitarbeitenden gedacht.“ 

Ein Traditionsunternehmen mit modernem Selbstverständnis ist es, was den angehenden Chefinnen vorschwebt. „Viele in unserer Branche wollen gerade nicht zu den Großen“, sagt Schmidt. „Uns ist wichtig, nah an den Menschen zu sein, sich auf den anderen verlassen zu können. Wir sehen das hier als Chance, sonst würden wir es nicht machen“, ergänzt Bielecki. 

Sowohl die neuen Verantwortlichen als auch die Art des Führungswechsels scheinen beim Kundenstamm gut anzukommen. Kürzlich, berichtet Jörg Will, sei er mit Schmidt bei einem wichtigen Klienten gewesen, um sie als künftige Ansprechpartnerin vorzustellen. „Gleich seine nächste E-Mail ging direkt an Pia und in CC an mich“, sagt Will. „Darüber habe ich mich gefreut.“